Silva ist angekommen
12. Januar 2026

„Seid ihr sicher, dass ihr mir die richtige Katze mitgegeben habt?“ – so der Wortlaut der WhatsApp, die ich Biggi am ersten Abend schrieb. Silva lag mit mir im Bett, nur vier Stunden, nachdem ich sie auf der Pflegestelle abgeholt hatte. Damit hätte ich nie gerechnet. Beschrieben worden war sie mir als misstrauisch, mitunter wehrhaft. „Gut möglich, dass sie sich erst mal versteckt und du sie die ersten Tage gar nicht zu Gesicht bekommst“, hieß es. Für mich war das okay, ich war entschlossen, der alten Dame die Zeit zu geben, die sie braucht. Und für mich wäre es auch okay gewesen, wenn sie nie eine Schmusekatze geworden wäre. Doch es kam alles anders, als gedacht. 

Silva hat mich berührt. Von der ersten Begegnung an. Zurückhaltend wie sie war, hat sie es dennoch geschafft, schon mit der ersten zögerlichen Kontaktaufnahme. Ihre Neugier war größer als die Skepsis. Die Leckerli aus meiner Hand nahm sie gerne, streicheln ließ sie sich allerdings nicht. Das war abzusehen. Schon am Telefon, als ich Biggi sagte, ich würde Silva gerne kennenlernen und schauen, ob der Funke überspringt, meinte Biggi so etwas in der Art wie: „Vermutlich nicht, Silva zeigt sich gegenüber Fremden nicht von ihrer besten Seite.“ Ich wollte sie trotzdem kennenlernen. Und siehe da, eine vorsichtige Annäherung war möglich. Es folgte ein zweiter Besuch, bei dem sie mir sogar einmal um die Beine strich. Mich allerdings auch anfauchte und mit der Pfote in meine Richtung ausholte. So sollten auch die ersten Wochen werden. Eine Mischung aus Zuneigung einfordern und Grenzen setzen.

Nach dem zweiten Besuch auf der Pflegestelle war klar, Silva hatte sich einen Platz in meinem Herzen erschlichen. Überlegt habe ich dennoch noch einmal. Denn eine alte, kranke, auch mal kratzende und beißende Katze aufzunehmen, will gut durchdacht sein. Kann ich damit leben, wenn sie keine Kuschelkatze wird, wenn sie nie auf meinem Schoß liegt? Bin ich mir bewusst, dass ein 16 Jahre altes Tier unter Umständen nur Monate oder wenige Jahre bei mir leben wird? Kann ich ihr trotzdem die Liebe schenken, die sie verdient? Kann ich regelmäßige Medikamentengabe gewährleisten, sie regelmäßig zum Tierarzt bringen? Habe ich jemanden, der nach ihr schauen kann, wenn ich aus welchen Gründen auch immer einmal ausfalle? All diese Fragen konnte ich mit Ja beantworten. Also stand fest: Silva zieht ein.

Die Autofahrt hierher war laut. Maunzen in einer Tour. Von Minute zu Minute lauter und missgelaunter. Daheim habe ich im Badezimmer die Tür der Transportbox geöffnet, weil in dem Raum auch ihr Klo steht und weil es der Raum ist, der am weitesten von mir im Wohnzimmer entfernt ist. Ich wollte ihr Raum und Zeit geben. Zunächst versteckte sie sich unter dem Waschtisch. Ich zog mich zurück, gab mir aber keine Mühe, besonders leise zu sein. Ich machte einfach, was ich sonst so an einem Mittwochabend mache. Und schon eine halbe Stunde später, ich war eben in der Küche und richtete mein Abendbrot, hörte ich sie aus dem Bad tapsen und sah ein kleines Schnäuzchen und große Augen um die Ecke gucken. Skeptisch, aber neugierig.

Dennoch folgte erst einmal wieder der Rückzug ins Bad. Nur Minuten später war sie mutiger, schlich geduckt von Zimmer zu Zimmer. Ich setzte mich auf den Boden und siehe da, die erste Kontaktaufnahme im neuen Zuhause. Sie strich um mich und beschnupperte alles. Dann wieder Rückzug ins Bad. Ich setzte mich auf die Couch und schaltete den Fernseher an. Es dauerte nur Minuten, bis sie wieder kam – und zu meinem Erstaunen auf die Couch sprang. Vorsichtig zwar, streicheln war nur kurz möglich, dann kam die Pfote. Dennoch verbrachte sie die nächsten Stunden mit mir auf der Couch. Angespannt, aber sie blieb in meiner Nähe. Und als ich ins Bett ging, sprang sie auch dort hoch und legte sich neben mein Kopfkissen. Die erste Nacht war unruhig für uns beide. Ich wachte bei jeder ihrer Bewegungen auf, sie bei jeder meiner. Aber der Kontakt war da. Der Beginn eines Bandes zwischen zwei Herzen.

Unsere ersten Tage und Wochen waren geprägt von Fortschritten und Rückschritten. Fauchen gehörte zur Kommunikation ebenso wie freundlichen Gurren. Mindestens einmal am Tag testete sie meine Reflexe mit ihrer Pfote. Verletzt hat sie mich nie. Ich denke, sie wollte nur drohen. Grenzen setzen. Bis hierhin und nicht weiter. Vielleicht ein Überbleibsel ihrer Vergangenheit. Auch Alltagsgeräusche erschreckten sie zu Beginn. Und ich meine nicht den Staubsauger, den mag sie immer noch nicht. Aber selbst beim leisen Klirren von Besteck im Teller, oder beim Aufdrehen eines Wasserhahns, zuckte sie zusammen. Geräusche aus dem Fernseher machten ihr Angst, ebenso waren ihr Telefonate und Videokonferenzen ungeheuer. Als hätte sie vergessen, wie es ist, mit Menschen zusammenzuleben.

Aber das Misstrauen wurde kleiner. Inzwischen (sie ist nun seit vier Monaten bei mir) frisst sie neben mir in der Küche, während ich koche und die Dunstabzugshaube läuft. Inzwischen kann ich sie regelrecht durchwursteln, während sie schnurrt. Die Pfote kommt nur noch selten in meine Richtung. Gefaucht hat sie lange nicht mehr. Im Gegenteil. Sie sucht den Kontakt. Sie holt mich förmlich ab und besteht auf ihre Kuschelzeit jeden Morgen auf der Couch. Sie giert regelrecht nach Aufmerksamkeit, nach Streicheleinheiten. Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass ihr das lange Zeit verwehrt wurde. Aber nun bekommt die kleine Königin alles, was sie will. Liebe, Wärme, einen sicheren Hafen. Ein Zuhause.

Auch gesundheitlich war es ein Auf und Ab. Ihr war oft übel. Schon an Tag zwei ging es zum Tierarzt, weil sie selbst das kleinste Stückchen Futter wieder erbrach. Magenschleimhautentzündung, hieß es, vermutlich bedingt durch den Umzugsstress. Den ersten Besuch beim Tierarzt nahm sie mir richtig übel. Kaum waren wir daheim, versteckte sie sich unterm Bett. Sieben Stunden lang. Nicht mal die Leckerli, die ich auf Höhe der Bettkante auf den Boden legte, nahm sie. Ich ließ sie in Ruhe. Und weinte. Ich hatte Angst, dass das zarte Band, das wir am Knüpfen waren, zerbrochen war. Die Erleichterung, als ich nach sieben Stunden hörte, wie sie sich die Leckerchen nahm und langsam aus dem Schlafzimmer tapste, war riesig.

Eine Spritze vom Tierarzt nahm ihr an diesem Tag die Übelkeit. Fürs Erste. Denn in den folgenden Wochen sollte dies noch öfter vorkommen. Nach einer Weile pendelte es sich ein auf Brechen jeden dritten Tag. Zwar dann nur einmal am Tag, und danach fraß sie wieder ganz normal. Dennoch war es für uns beide anstrengend. Es folgte eine Futterumstellung auf Gastro-Diätfutter. Sie bekam statt Schmerzmittel in Tropfenform (die vermutlich zu ihrer Übelkeit beitrugen) wegen ihrer Arthrose eine Spritze vom Tierarzt. Das funktionierte zunächst so gut, dass ich daran festhalten wollte. Einmal im Monat spritzen. Doch dann entwickelte sie einen furchtbaren Juckreiz, kratzte sich am Hals, am Kopf sogar blutig. Allergische Reaktion auf das Mittel, sagte der Tierarzt. Absetzen. Im Moment versuchen wir ein drittes Medikament, das sie (bis jetzt) gut verträgt. Wir hoffen, dass das die Lösung ist.

Übel ist ihr manchmal trotzdem noch, aber es vergehen auch mal zwei Wochen ohne Zwischenfall. Eine deutliche Verbesserung zum Anfang. Inzwischen sind auch Tierarztbesuche kaum noch ein Problem. Da sind wir trotzdem noch oft genug, alle drei Wochen etwa. Immer dann, wenn ihr mal wieder so übel ist, dass sie gar kein Futter drin behalten kann. Die Autofahrt hin und zurück wird zwar durchweg missmutig kommentiert, aber kaum mache ich daheim die Transportbox auf, dreht sie sich zu mir um und holt sich Streicheleinheiten ab. Fast, als wolle sie sagen „Danke, dass du mich nicht dort gelassen, sondern wieder mit nach Hause genommen hast.

“Sie ist (mit den Medikamenten wegen ihrer Arthrose jedenfalls) für ihre 16 Jahre erstaunlich mobil, spielt sogar mit Spielangel und Bällchen. Oder jagt Walnüsse durchs Wohnzimmer. Sie dreht kleine Runden durch den Garten, zumindest bei gutem Wetter. Die Kälte jetzt mag sie weniger. Trotzdem muss ich die Tür aufmachen, damit sie besser gucken kann, wie das Wetter draußen ist. Wenn ich Homeoffice mache, kommt sie am Schreibtischstuhl auf meinen Schoß und schläft. Und schaut zur Freude meiner Kollegen auch mal hoch, wenn wir Videokonferenzen haben. Wenn ich im Büro arbeiten bin und heimkomme, steht sie schon hinter der Wohnungstür und begrüßt mich freudig, streicht mir mit erhobenem Schwanz um die Beine und miaut freundlich. Ihr Lieblingsplatz ist auf der Couch neben mir. Am Silvesterabend lag sie sogar zum ersten Mal auch auf der Couch auf meinem Schoß. Sie kam ganz von sich aus, ohne, dass ich sie gelockt hätte. Auch neben mir sucht sie den Körperkontakt, ist immer angelehnt, sie drückt sich regelrecht an mich, wirft sich förmlich gegen mich. Inzwischen darf ich ihr auch – zumindest für ein paar Streichelzüge – den Bauch kraulen.

Silva ist angekommen.